Eine Schraube trägt nicht einfach „ein paar Kilo“ oder „ein paar Tonnen“. Entscheidend sind Festigkeitsklasse, Gewindedurchmesser und die Frage, ob die Last axial, quer oder nur als Vorspannung wirkt. Genau darum geht es hier: Ich zeige, wie man die Zugfestigkeit von Schrauben in Kilogramm einordnet, welche Werte für gängige metrische Schrauben realistisch sind und wo die typische Fehlinterpretation beginnt.
Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick
- Technisch korrekt sind Newton, im Alltag wird aber oft in kg gedacht; 1 kN entspricht grob 102 kg Zugkraft.
- Die Festigkeitsklasse liefert die Basis: 8.8 bedeutet etwa 800 N/mm² Zugfestigkeit und 640 N/mm² Streckgrenze.
- Die Tabellenwerte unten sind theoretische Bruchlasten für axiale Zugbelastung, nicht automatisch zulässige Dauerlasten.
- Für eine sichere Auslegung rechne ich je nach Anwendung mit einem Sicherheitsfaktor von etwa 2 bis 4.
- Feingewinde, Edelstahl, Holzschrauben und Anker folgen anderen Kennwerten und dürfen nicht blind mit dieser Tabelle vermischt werden.
- Die Belastbarkeit hängt immer vom Gesamtsystem ab, also auch von Material, Einschraubtiefe, Querkräften und Montagequalität.
Was die Werte in Kilogramm wirklich bedeuten
Wenn von Schraubenbelastbarkeit in Kilogramm die Rede ist, ist damit in der Praxis fast immer eine umgerechnete Zugkraft gemeint. Sauber technisch betrachtet wäre Newton die richtige Einheit, denn eine Last von 1 kg erzeugt nicht 1 N, sondern näherungsweise 9,81 N Gewichtskraft. Für schnelle Orientierung ist die Kilogramm-Angabe aber nützlich, solange klar bleibt: Gemeint ist keine pauschale Traglast der Schraube, sondern ein Richtwert für axiale Zugbeanspruchung.
Genau hier entstehen die meisten Fehler. Eine Schraube, die in einer idealen Zugprüfung 3.000 kg aushält, ist nicht automatisch für 3.000 kg in einer echten Konstruktion geeignet. Querkräfte, Biegung, Vibrationen, ungleichmäßige Vorspannung oder ein schwaches Gegenmaterial können die tatsächlich zulässige Last deutlich senken. Damit ist die wichtigste Grundregel schon gesetzt: Erst den Belastungsfall verstehen, dann die Tabelle lesen. Als Nächstes lohnt sich der Blick auf die Festigkeitsklassen, weil sie die Rechenbasis liefern.
Festigkeitsklassen von 4.6 bis 12.9 richtig einordnen
Die Bezeichnung auf dem Schraubenkopf ist kein Zufallscode, sondern beschreibt die mechanischen Kennwerte nach dem üblichen Normsystem für Stahlschrauben. Die erste Zahl steht grob für die Zugfestigkeit in 100 N/mm², die zweite Zahl für das Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit. Aus 8.8 wird so 800 N/mm² Zugfestigkeit und etwa 640 N/mm² Streckgrenze.
| Festigkeitsklasse | Zugfestigkeit Rm in N/mm² | Streckgrenze Re in N/mm² | Praktische Einordnung |
|---|---|---|---|
| 4.6 | 400 | 240 | Einfache Verbindung, geringe bis mittlere Anforderungen |
| 4.8 | 400 | 320 | Leichte Konstruktionen, etwas höhere Streckgrenze |
| 5.6 | 500 | 300 | Allgemeine Stahlverbindungen mit moderater Belastung |
| 5.8 | 500 | 400 | Etwas robuster, aber nicht mit 8.8 verwechseln |
| 6.8 | 600 | 480 | Mittlere Belastungen, häufig im Maschinenbau zu finden |
| 8.8 | 800 | 640 | Sehr verbreiteter Standard für tragfähige Schraubverbindungen |
| 10.9 | 1000 | 900 | Hochfeste Verbindung, anspruchsvollere Montage |
| 12.9 | 1200 | 1080 | Sehr hoch belastet, präzise Montage nötig |
Ich achte bei solchen Tabellen immer auf den Unterschied zwischen Festigkeit und zulässiger Last. Die Zahl 8.8 beschreibt nicht die Traglast in Kilogramm, sondern die Materialkennwerte der Schraube selbst. Für die reale Belastbarkeit braucht man zusätzlich den Schraubendurchmesser, die Gewindesteigung und die Frage, ob die Last nur ziehend oder auch quer angreifend wirkt. Mit diesen Kennwerten im Kopf lässt sich die kg-Zahl deutlich sauberer lesen, und genau das rechne ich im nächsten Schritt für konkrete Größen durch.
Die Tabelle für gängige metrische Schrauben
Für die Praxis interessiert meistens nicht die Normformel, sondern eine schnelle Orientierung: Wie viel Zuglast hält eine M6, M8 oder M10 ungefähr aus? Die folgende Tabelle zeigt theoretische Bruchlasten für metrische Regelgewinde bei reiner axialer Zugbelastung. Ich habe bewusst nur die üblichen Stahlschraubenklassen aufgenommen, weil sich die Werte sonst schnell unübersichtlich machen.
| Schraubengröße | 4.6 | 8.8 | 10.9 | 12.9 |
|---|---|---|---|---|
| M4 | ca. 360 kg | ca. 720 kg | ca. 900 kg | ca. 1.070 kg |
| M5 | ca. 580 kg | ca. 1.160 kg | ca. 1.450 kg | ca. 1.740 kg |
| M6 | ca. 820 kg | ca. 1.640 kg | ca. 2.050 kg | ca. 2.460 kg |
| M8 | ca. 1.490 kg | ca. 2.990 kg | ca. 3.730 kg | ca. 4.480 kg |
| M10 | ca. 2.370 kg | ca. 4.730 kg | ca. 5.910 kg | ca. 7.100 kg |
| M12 | ca. 3.440 kg | ca. 6.880 kg | ca. 8.600 kg | ca. 10.320 kg |
Die Werte sind gerundet und gelten als Richtwerte für das Gewinde in Zugrichtung. Feingewinde weichen leicht ab, weil sich der Spannungsquerschnitt ändert. Bei M8 in 8.8 landet man theoretisch schon bei knapp 3 Tonnen Zuglast, was den typischen Denkfehler gut zeigt: Die Schraube selbst ist oft deutlich stärker als das Bauteil, in das sie eingeschraubt wird. Deshalb ist die nächste Frage nicht mehr „Wie viel hält die Schraube?“, sondern „Wie rechne ich daraus eine brauchbare Arbeitslast?“. Genau das kläre ich jetzt.
So rechne ich die Belastbarkeit selbst um
Die Umrechnung ist einfacher, als viele erwarten. Ich gehe immer in drei Schritten vor:
- Spannungsquerschnitt As der Schraube bestimmen, also die wirksame Fläche im Gewinde.
- Mit der Zugfestigkeit Rm multiplizieren, damit erhalte ich die Bruchlast in Newton.
- Durch 9,81 teilen, um einen alltagstauglichen kg-Wert zu bekommen.
Die Kurzform lautet also: kg ≈ As × Rm / 9,81. Für eine M8-Schraube in 8.8 sieht das so aus: 36,6 mm² × 800 N/mm² = 29.280 N, das entspricht rund 2.986 kg Zuglast. Wenn ich daraus eine konservative Arbeitslast ableiten will, teile ich diesen Wert nicht durch 1, sondern je nach Anwendung durch 2, 3 oder sogar 4. Mit Sicherheitsfaktor 3 bleiben aus den knapp 3 Tonnen also nur etwa 1 Tonne als vernünftige Planungsgröße.
Genau dieser Abstand zwischen Bruchwert und Nutzwert ist der Punkt, an dem viele Tabellen im Netz irreführend werden. Sie wirken präzise, sagen aber nichts über Reserve, Fertigungstoleranzen oder Montagefehler. Darum kommt im nächsten Abschnitt der Teil, den ich in der Praxis immer zuerst prüfe: die realen Grenzen der Verbindung.
Warum die Praxis deutlich anspruchsvoller ist
Eine Schraubentabelle ist nur dann hilfreich, wenn man sie nicht als Einzelwert, sondern als Teil eines Systems liest. In der echten Verbindung entscheidet nicht nur die Schraube, sondern auch das Gegenmaterial, die Einschraubtiefe, die Vorspannung und die Art der Belastung. Drei Fälle sind besonders wichtig:
Axialer Zug
Hier ist die Tabelle am verlässlichsten. Wenn die Zugkraft sauber in Längsrichtung auf die Schraube wirkt, lässt sich die Bruchlast gut über Festigkeitsklasse und Spannungsquerschnitt abschätzen. Genau für diesen Fall ist die Übersicht oben gedacht.
Querlast und Biegung
Sobald die Last seitlich angreift, ändert sich das Bild. Dann arbeitet die Schraube nicht mehr nur auf Zug, sondern auch auf Scherung und Biegung. In solchen Fällen fällt die tatsächlich nutzbare Belastbarkeit oft deutlich niedriger aus als der reine Zugwert vermuten lässt.
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Dynamik und lockere Verbindungen
Vibrationen, wechselnde Lasten und schlecht kontrollierte Vorspannung sind klassische Schwachstellen. Eine hochfeste Schraube in 10.9 kann auf dem Papier beeindruckend aussehen und trotzdem früh versagen, wenn die Verbindung nicht sauber geklemmt ist. Gerade bei 10.9 und 12.9 ist deshalb die Montagequalität ein echter Sicherheitsfaktor, nicht nur eine Nebensache.
Hinzu kommt das Gegenmaterial. Eine Stahl-Schraube mit hoher Festigkeitsklasse bringt wenig, wenn das Gewinde in Aluminium, Kunststoff oder weichem Blech ausreißt. In solchen Fällen versagt oft nicht die Schraube, sondern das Bauteil drumherum. Wer diese Grenzen kennt, vermeidet die typischen Fehlannahmen und kommt bei der Auswahl schneller zu einer belastbaren Lösung.
Was ich vor der Auswahl noch mitprüfen würde
Wenn ich eine Schraube nicht nur rechnerisch, sondern für eine echte Anwendung auswähle, gehe ich immer dieselbe Checkliste durch:
- Schraubenklasse prüfen, damit der Werkstoff überhaupt zur Last passt.
- Gewindegröße und Steigung prüfen, weil Feingewinde und Regelgewinde leicht unterschiedliche Werte liefern.
- Lastart klären, also Zug, Scherung, Biegung oder eine Kombination daraus.
- Gegenmaterial bewerten, weil das Gewinde ausreißen kann, bevor die Schraube selbst bricht.
- Sicherheitsfaktor festlegen, statt mit dem theoretischen Maximalwert zu planen.
- Umgebung beachten, also Vibration, Temperatur, Korrosion und Montagezugang.
Wenn ich es knapp auf einen Satz bringen müsste: Für Stahl-Schrauben nach dem üblichen Normsystem liefert die Tabelle eine sehr brauchbare Größenordnung, aber keine Freikarte für die Konstruktion. Für Edelstahl, Holzschrauben, Blechschrauben oder Dübel brauche ich andere Kennwerte und oft auch eine andere Denkweise. Wer das berücksichtigt, liest eine Tabelle nicht nur richtig, sondern trifft auch die deutlich bessere technische Entscheidung.